Maryja “Mascha” Kaleniskawa – ein Temperament wie Quecksilber
„Ich gehe für die Wahlen zurück. Wenn alles gut geht, bin ich imSeptember wieder da.”
Im Mai 2020 verlässt Maryja Kalesnikawa, Mascha, ihre Wahlheimat Stuttgart und kehrt nach Belarus zurück, um den Wahlkampf des Oppositionellen Viktar Babaryka zu leiten. Mascha, mit dem auffälligen blonden Kurzhaarschnitt und einem unerschütterlichen Gemüt wird eines der Gesichter der Massenproteste rund um die Wahlen 2020. Wenige Wochen später wird sie verschleppt und festgenommen. Nach Stuttgart kehrt sie nicht zurück.
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Mascha wird 1982 in Minsk geboren. Nach ihrem Solistenstudium für Querflöte in Minsk, wandert sie 2007 nach Deutschland aus. In Stuttgart studiert Mascha Alte und Zeitgenössische Musik als Stipendiatin an der HMDK, der staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst Stuttgart. Danach arbeitet sie als Musikerin und Kulturmanagerin bei zahlreichen Konzerten und Festivals in Deutschland und Belarus mit.
Mascha verkörpert eine einzigartige Verbindung von Musik und Unternehmertum: sie ist in einem Netzwerk weiblicher Unternehmerinnen aktiv und hält bei einem der ersten in Minsk veranstalteten TEDx-Events einen Talk zur Förderung von Kreativität in Unternehmensleitungen durch Musik. Auch in ihrem Stuttgarter Umfeld sticht Mascha als intelligente und nahezu explosiv gut gelaunte Persönlichkeit hervor, die immer durch fundiertes Wissen glänzt. Sie ist eine politische Person, aber vor den Wahlen 2020 nicht politisch aktiv. Doch 2020 entscheidet sie sich dazu, nach Minsk zurückzukehren, um die politische Opposition vor den Wahlen zu unterstützen. In der Widerstandsbewegung wird sie eine führende Rolle einnehmen. Wie kam es dazu?
In Belarus regiert seit 1994 ununterbrochen der “letzte Diktator Europas”, Aljaksandr Lukaschenka. Seither sicherte er sich durch Verfassungsreformen immer mehr Macht, wie 1996 durch die Auflösung des Parlaments und 2004 durch die Abschaffung der Amtszeitbegrenzung für den Präsidenten. Die Regierung Lukaschenka gilt als repressiv und autoritär, die politische Opposition lebt in ständiger Gefahr. So gilt auch die Wahl 2020 als Scheinwahl. Dennoch löste die Wahl bisher ungesehene Massenproteste in Belarus aus, an denen Mascha führend beteiligt war.
Schon 2017 lernt Mascha über die Kulturarbeit Viktar Babaryka kennen. Er gilt im Frühsommer 2020 als der aussichtsreichste Oppositionelle im Wahlkampf gegen Lukaschenka und holt Mascha als Wahlkampfleitung in sein Team. Für diese Rolle kehrt sie zurück nach Minsk, um für ein freies und demokratisches Belarus einzutreten. Doch Babaryka wird im Juli unter fadenscheinigen Vorwürfen festgenommen und ist seither politischer Gefangener des belarussischen Regimes. Auch andere Kandidaten werden entweder festgenommen oder nicht zur Wahl zugelassen. Die Opposition wäre wohl am Boden gewesen, wenn nicht Mascha und zwei weitere Frauen, Swjatlana Zichanouskaja und WeranikaZepkala, trotz der offensichtlichen Gefahren des Protests, ein erfolgreiches Oppositionstrio bilden.
Mit Zichanouskaja als gemeinsame Kandidatin gehen sie ins Rennen gegen Lukaschenka und erhalten landesweit viel Unterstützung. Doch diese Wahl ist weder frei noch fair: laut offiziellem Ergebnis gewinnt Lukaschenka mit 81 % der Stimmen. Daraufhin verlassen Zichanouskaja und Zepkala das Land, weil sie ihr Leben und das ihrer Familien bedroht sehen. Mascha bleibt. Für sie ist es unvorstellbar, das Land zu verlassen, während ihre Kolleg:innen und Freund:innen unrechtmäßig inhaftiert sind.
Die Massenproteste gehen weiter und werden oft brutal von Sicherheitskräften niedergeschlagen. Über 33.000 Menschen werden verhaftet. Trotz der offensichtlichen Gefahren bleibt Mascha ein standhafter Teil der Opposition und nutzt ihre Reichweite, um sowohl die Sicherheitskräfte als auch die Bürger:innen zu einem friedlichen Protest aufzurufen.
Sie setzt sich mit ihrer unermüdlichen Energie für Menschenrechte, Demokratie und ein freies Belarus ein und zahlt einen hohen Preis: Am 7.September 2020 wird sie zunächst verschleppt und dann inhaftiert.
Seither ist schwer nachvollziehbar, wo sich Mascha befindet und wie es ihr geht. Ihr wird der Kontakt zu ihrer Familie und zu Anwält:innen verwehrt. Hin und wieder gibt es Hinweise, dass sie sich in einer prekären gesundheitlichen Lage befindet, in Isolationshaft gehalten und gefoltert wird. Seit November 2024 hoffen Maschas Familie und Freund:innen in Minsk und Stuttgart auf das nächste Lebenszeichen von ihr.
Mehr Informationen zu Mascha gibt’s zum Beispiel bei Amnesty International – dort liegen auch die Bildrechte der verwendeten Fotos. Auch in Artikeln von der BBC oder bei Reuters geben Einblick in Maschas Weg bzw. die politische Situation in Belarus.
Hintergrundinformationen
Belarus wurde nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 einunabhängiger Staat. Seit 1994 regiert ununterbrochen derPräsident Aljaksandr Lukaschenka mit harter Hand. Politische Gegner werden festgenommen oder müssen fliehen und die Wahlen gelten als weder frei noch fair. Internationale Beobachterstufen sie regelmäßig als manipuliert ein. In Belarus herrschtkeine Rechtsstaatlichkeit. Gewalt durch Sicherheitskräfte bleibtstraflos, und Gesetze werden nur gegen Regimegegner angewendet. Gleichzeitig schaffte Lukaschenka über die Jahre immermehr Kontrollmechanismen ab: er kann sich uneingeschränkt wiederwählen lassen, er ernennt die Regierung und die sechsVerfassungsrichter:inen direkt, und er kann durch Präsidialdekrete uneingeschränkt Gesetze erlassen. Lukaschenka regiertim Einklang mit Putin und unterstützt aktiv den Krieg gegen die Ukraine. Sein System basiert auf Repression und Machthalt, während die Opposition kaum Veränderung bewirken kann.
Die gefälschte Präsidentschaftswahl am 9. August 2020 löstefriedliche Massenproteste aus, woraufhin sich die Menschenrechtslage massiv verschlechterte. Zivilgesellschaftliche Organisationen wurden aufgelöst, gegen unabhängige Medienwird repressiv vorgegangen, es herrschen menschenunwürdige Haftbedingungen und medizinische Unterversorgung vonpolitischen Gefangenen. Zwar gab es nach den Protesten Verfassungsreformen, doch sie gelten als Scheinreformen. Das Ergebnis der Wahl wurde von den Mitgliedstaaten der EU nichtanerkannt, das bedeutet dass sie den Präsidenten Lukaschenkanicht als demokratisch legitimiert betrachten. Infolgedessen verhängte die EU aufgrund der Menschenrechtsverletzungen desRegimes, der Unterstützung des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, sowie wegen der politischen Instrumentalisierung von Geflüchteten und Migrant:innen Sanktionen.
Fragen zum Nachdenken
- Würdest du in einer Unterdrückungssituation versuchen, wieMascha und ihre Mitstreiter:innen zu handeln?
- Wie weit würdest du für Demokratie, Menschenrechte und Rechtstaatlichkeit gehen?
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EN
Maryja “Mascha” Kaleniskawa– a temper like mercury
‚I’m going back for the elections. If all goes well, I’ll be back inSeptember.’
In May 2020, Maryja Kalesnikawa, Masha, left her adopted home of Stuttgart and returned to Belarus to manage the election campaignof opposition candidate Viktar Babaryka. Masha, with her striking short blonde haircut and unshakeable disposition, becomes one of the faces of the mass protests surrounding the 2020 elections. A few weeks later, she is abducted and arrested. She never returns to Stuttgart.
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Masha was born in Minsk in 1982. After her soloist studies for flute in Minsk, she emigrated to Germany in 2007. Masha studied early and contemporary music as a scholarship holder at the HMDK, the State University of Music and Performing Arts in Stuttgart. Afterwards, she worked as a musician and cultural manager at numerous concerts and festivals in Germany and Belarus.
Masha embodies a unique combination of music and entrepreneurship: she is active in a network of female entrepreneurs and gives a talk at one of the first TEDx events organised in Minsk on promoting creativity in business management through music. Mascha also stands out in her Stuttgart environment as an intelligent, almost explosively good-humoured personality who always shines with her in-depth knowledge. She is a political person but was not directly politically active before the 2020 elections. However, in 2020, she decides to return to Minsk to support the political opposition ahead of the elections. She will play a leading role in the resistance movement. How did this come about?
The ‘last dictator of Europe,’ Alyaksandr Lukashenka, has uninterruptedly reigned in Belarus since 1994. Since then, he has secured more and more power for himself through constitutional reforms, such as the dissolution of parliament in 1996 and the abolition of presidential term limits in 2004. Lukashenka’s government is considered repressive and authoritarian, and the political opposition is in constant danger. The 2020 election is, therefore also considered a sham. Nevertheless, the election triggered previously unseen mass protests in Belarus, in which Masha played a leading role.
Masha met Viktar Babaryka back in 2017 through her cultural work. In the early summer of 2020, he was considered the most promising opposition figure in the election campaign against Lukashenka and brought Masha onto his team as campaign manager. She returned to Minsk for this role to campaign for a free and democratic Belarus. However, Babaryka was arrested in July on flimsy charges and has been a political prisoner of the Belarusian regime eversince. Other candidates were also either arrested or not allowed to stand for election. The opposition would probably have been on the ground if Masha and two other women, Sviatlana Tsikhanouskaya and Veranika Tsepkala, had not formed a successful opposition trio despite the obvious dangers of the protest.
With Tsikhanouskaya as their joint candidate, they entered the race against Lukashenka and received a lot of support across the country. However, this election was neither free nor fair: according to the official result, Lukashenka won with 81% of the votes. As a result, Tsikhanouskaya and Tsepkala left the country because they felt their lives and those of their families under threat. Masha stayed. For her, it is inconceivable to leave the country while her colleagues and friends are unlawfully imprisoned.
The mass protests continued and were often brutally suppressed by security forces. Over 33,000 people were arrested. Despite the obvious dangers, Masha remained a steadfast part of the opposition and used her reach to call on both the security forces and citizensto protest peacefully.
With her tireless energy, she stood up for human rights, democracy and a free Belarus and payed a high price: on 7 September 2020, she is first abducted and then imprisoned.
Since then, it has been difficult to know where Masha is and how she is doing. She is denied contact with her family and lawyers. There are occasional reports that she is in a precarious state of health, is being held incommunicado and is being tortured. Since November 2024, Masha’s family and friends in Minsk and Stuttgart have been hoping for the next sign of life from her.
More information about Mascha can be found on the website of Amnesty International – the image rights to the photos used are also held there. Articles of BBC or Reuters also give insights about Maschas path and the political situation in Belarus.
Background information
Belarus became an independent state after the dissolution of theSoviet Union in 1991. President Alyaksandr Lukashenka has ruledwith a heavy hand without interruption since 1994. Political opponents are arrested or forced to flee, and the elections areconsidered neither free nor fair. International observers regularly categorise them as rigged. There is no rule of law in Belarus.Violence by security forces goes unpunished, and laws are onlyapplied against opponents of the regime. At the same time, Lukashenka has abolished more and more control mechanisms over the years: he can be reelected without restriction, heappoints the government and the six constitutional judges directly, and he can pass unrestricted laws by presidential decree. Lukashenka rules in harmony with Putin and actively supports the war against Ukraine. His system is based on repression and maintaining power, while the opposition canhardly bring about any change.
The rigged presidential election on 9 August 2020 triggered peaceful mass protests, which led to a massive deterioration in the human rights situation. Civil society organisations were dissolved, independent media were repressed, inhumane prison conditions prevailed, and political prisoners received inadequate medical care. Although there were constitutional reforms after the protests, they are considered sham reforms. The result of the election was not recognised by the EU member states, which means that they do not consider President Lukashenka to have democratic legitimacy. As a result, the EU imposed sanctions dueto the regime’s human rights violations, support for the Russian war of aggression against Ukraine and the political instrumentalisation of refugees and migrants.
Questions to think about
- In a situation of oppression, would you try to act like Masha andher fellow campaigners?
- How far would you go for democracy, human rights and the ruleof law?